NA:DI:A - Die von der Wildnis

Nur dänische Version

Das Wilde Fleisch

 

Sie sammelt Knochen, sie singt Leben – sie erinnert sich, wer sie ist.

In alten Zeiten sprach man vom Gehör des Ohres.
Dieses Gehör war in drei (oder mehr) Bahnen geteilt.

Man glaubte, das Ohr müsse auf drei Ebenen hören können:
Die erste Bahn – für weltliche Gespräche.
Die zweite Bahn – für Wissen und Kunst.
Die dritte Bahn – damit die Seele Führung empfängt und Weisheit sammelt.

Höre jetzt nur mit dem Gehör der Seele – denn dies ist die Botschaft der Erzählung.

Die Wilde Frau lebt an den kahlen Granitklippen.
Man sagt, sie sei an einer Quelle begraben.
Sie wurde auf dem Weg nach SĂĽden gesehen, in einem ausgebrannten Auto, mit zerschossener Heckscheibe.

Es ist wie ein vorĂĽbergehender Geschmack von Wildheit.

Wir hören sie durch die Musik,
die im Brustbein vibriert.
Wir erleben sie durch die Trommel,
die Flöte, den Schrei und den Ruf.
Durch das geschriebene und gesprochene Wort.
Sie erscheint in unzähligen Gestalten.
Niemand weiĂź genau, wo die Wilde Frau wohnt.

Höre jetzt mit dem Gehör der Seele.

Sie ist Freundin und Mutter zugleich.
Sie ist da fĂĽr die Verirrten.
FĂĽr alle, die lernen mĂĽssen.

Du begegnest ihr als schöpferische Hexe, als Todesgöttin, als junges Mädchen von edlem Blut.
Du weißt es nie – du weißt es einfach.

Höre jetzt nur mit dem Gehör der Seele.

Die Arbeit der Wilden Frau besteht im Sammeln von Knochen.
Sie kriecht und klettert durch Berge und ausgetrocknete Flussbetten,
immer auf der Suche nach Knochen.

Wenn sie ein vollständiges Skelett beisammen hat – wenn der letzte Knochen liegt,
beginnt sie zu erschaffen.

Im Feuerschein kann man die schöne weiße Skulptur des Tieres sehen,
die vor ihr liegt.
Sie stellt sich ĂĽber das Tier, hebt die Arme, und beginnt zu singen.

Höre jetzt nur mit dem Gehör der Seele.

Während sie singt, wächst Fleisch auf den Rippen des Tieres, auf seinen Knochen –
und zuletzt kommt das Fell.

Das Tier nimmt Form an.

Es hebt den Schwanz, den Körper, den Kopf.

Plötzlich holt die Wilde Frau tief Luft,
singt so tief, dass die Erde zu beben beginnt –

Das Tier öffnet die Augen, springt auf und verschwindet in einer tiefen Schlucht.

Es rennt so schnell,
dass man nur noch das spritzende Wasser sehen kann,
das die Berghänge entlang fließt.

Höre jetzt nur mit dem Gehör der Seele.

Denn jetzt ist die Zeit entscheidend.
Licht und Klang sind die schöpferischen Kräfte.

Wenn der Mond das Tier berĂĽhrt,
verwandelt es sich langsam in eine lachende Frau.

Die Wilde Frau ist geboren.

Höre jetzt nur mit dem Gehör der Seele.

Sie ist die Wurzel, die ein ganzes Ökosystem von Instinkten nährt.
Sie lebt am Grund jeder Frauenseele – ihr Geist ist uralt.
Indem sie hört, nährt sie ihre Intuition.

Und das wird von Frau zu Frau weitergegeben.

Also höre jetzt mit dem Gehör der Seele – denn das ist die Botschaft der Erzählung.

Ohne sie vergessen wir.
Ohne sie verlieren wir den Halt.
Ohne sie klammern wir uns fest.
Ohne sie sind wir stumm.
Ohne sie können wir uns nicht entwickeln.
Ohne sie werden wir unfruchtbar.

Denn sie ist die regulierende Kraft –
wie das Herz den Körper reguliert.

So oft sie auch verboten,
niedergeschlagen, beschnitten, verwässert, gequält wird,
als unzuverlässig, gefährlich oder verrückt gilt –
sie wird immer wiederkehren.

Selbst in der unterdrĂĽcktesten Frau gibt es einen geheimen Ort fĂĽr die Wilde Frau.

Höre jetzt nur mit dem Gehör der Seele.

Wenn eine Frau sie unglücklich verliert –
und dann wiederfindet –

wird sie kämpfen, um sie zu behalten.

Denn mit ihr blühen die schöpferische Kraft,
der sexuelle Zyklus,
die Kreativität und die freie Entfaltung auf.

Sie sind nicht länger Objekt fremder Verfolgung.

Sie wissen instinktiv: Es muss siegen – oder sterben.

Also höre jetzt nur mit dem Gehör der Seele – dies ist die Botschaft der Erzählung.

Wir alle beginnen als ein Haufen vergessener Knochen –
ein entkleidetes Skelett.

Jedes einzelne Teil muss wiedergefunden werden.

Und das ist ein mĂĽhsamer Prozess.